In Barichara nehmen wir den Bus in die kolumbianische Hauptstadt Bogotá. Busfahren in Kolumbien ist jedes mal ein neues Abenteuer. Bei langen Fahrten wird von jedem Passagier ein Foto geschossen oder man wird mit einer Videokamera gefilmt. Wir haben noch nicht herausgefunden ob das dazu dienen soll, Attentäter oder Unfallopfer schneller zu identifizieren; oder auch einfach nur um die Passagiere zu kontrollieren. Beim Ticketkauf haben wir ja bereits unsere Reisepassnummer angegeben. Ein weiteres Identifikationsmerkmal eines kolumbianischen Busses ist die Klimaanlage. Am Tag mag diese ja noch sinnvoll sein, aber warum diese bei langen Nachtfahrten auf arktische Temperaturen heruntergedreht wird, ist schon etwas fragwürdig. Chris und ich haben uns vorbereitet und mehrere Schichten angezogen. Trotzdem ist es so kalt, das wir nach ein paar Stunden nur noch auf einem Sitz zusammen gekauert schlafen, oder es zumindest versuchen. Von anderen Reisenden haben wir gehört, dass sie den Busfahrer gezwungen haben anzuhalten, damit diese ihre Schlafsäcke aus dem Gepäckraum holen können. Eine Kolumbianerin fragte in einem anderen Bus, ob es nicht möglich wäre die Klima ein paar Grad hochzudrehen. Antwort: Nein, das geht nicht. Die ist automatisch eingestellt und die Temperatur lässt sich nicht verändern. Fragwürdig sind auch die Zeitangaben für die Fahrtdauer. Von Santa Marta bis Bucaramanga brauchen wir laut Ticketverkäufer 9 Stunden. Er hatte Recht. Der Fahrer ist aber auch auf freien Straßen 9 Stunden durchgerast und hat nur 2mal für 5 Minuten angehalten. Auf der Fahrt nach Bogotá brauchen wir wiederum statt 7, ganze 11 Stunden. Am Busterminal müssen wir noch weitere 30 Minuten in einer langen Schlange auf ein Taxi warten. Busfahren nach Einbruch der Dunkelheit wird in der 7 Millionen Einwohner – Stadt abgeraten.

Museo del Oro

Museo del Oro

Es ist kalt und wir holen zum ersten mal auf der Reise unseren Fleecepulli aus dem Rucksack. Bogotá liegt auf 2600 Metern. An unserem ersten Tag besuchen wir das Goldmuseum “Museo del Oro” und das “Museo Botero”. Botero ist der bekannteste kolumbianische Künstler, der sich auf das Malen von übergewichtigen Menschen und Tieren spezialisiert hat, angeblich zum Trotz des Schlankheitswahn’s der Frauen seiner Heimatstadt Medellín (dort gibt es die schönsten Kolumbianerinnen!). 50 km außerhalb Bogotá, in Zipaquirá, liegt eine Kathedrale aus Salz 180 Meter unter der Erde. Dieses “Wunder” existiert nur 3 mal auf der Erde (u.a. Polen). Nachdem wir aber schon 3 Stunden raus aus Bogotá brauchen und in einer riesigen Schlange zum Ticketkauf anstehen, um dann mit einer Gruppe von 50 Personen uns eine neonbeleuchtete Salzmine mit Holzkreuzen anzusehen – unserer Meinung nicht wert, wenn man wenig Zeit hat. Am Abend treffen wir zum zweiten mal in Kolumbien Freunde aus Paris auf ein Bier in der Bogotá Beer Company, das teuerste aber beste Bier, das Kolumbien zu bieten hat.

Mirador Torre Colpatria

Mirador Torre Colpatria

Highlight unseres City Trips ist eine Bike Tour mit einheimischen Guide durch Bogotá für 35000 Pesos (ca 13€). Fernando will uns das wahre Gesicht der Stadt zeigen und fragt uns zuallererst was für ein Bild wir von Kolumbien haben. Genannt werden schöne Landschaft, schöne Frauen, Guerilla und Drogen. Fernando versichert uns, dass wir in Kolumbien keine Angst haben müssen, von Guerillas entführt zu werden und gibt uns in den nächsten 4 Stunden einen Einblick in das Leben der Bogotaner. Ich will euch Fernando’s Stories nicht vorenthalten (auch wenn es ein bisschen mehr zu lesen wird), denn Kolumbien wäre nicht so einzigartig ohne seine Geschichten, Geheimnisse und Verschwörungen. Wir beginnen die Tour im Studentenviertel von La Candelaria gegenüber unseres Hostel. Es gibt viele Bars, bunte Häuser und Graffiti. Unseren ersten Stopp machen wir an einem heruntergekommenen Gebäude im Zentrum. Das weltweit größte Trade Center für Smaragde (Kolumbien produziert 55% des Weltvorkommens). Touristen können die wertvollen Steine sogar vor dem Gebäude bei Straßenhändlern erlangen. Daneben steht ein Wagen der mit Bildern und Text zugekleistert wurde. Fernando kennt den Besitzer. Er ist Vater eines ermordeten Sohnes und kämpft seit Jahren für Gerechtigkeit. Die Regierung hat dem Militär eine Belohnung (Urlaub, Bonus) für jeden getöteten Guerilla zugesagt. Leider haben Soldaten irgendwann damit begonnen unschuldige zu töten und als Guerillas zu “verkleiden”. Der Mord an dem jungen Studenten wurde also auch noch mit Geld belohnt.

Vater kämpft für Gerechtigkeit

Vater kämpft für Gerechtigkeit

Danach geht es weiter zum Plaza de Bolívar. Die Polizeipräsenz ist vor allem tagsüber, wie überall in Bogotá, sehr hoch. (Gerade finden auch noch Präsidentschaftswahlen statt.) Es gibt viele Bettler und wir haben immer ein paar Pesos in der Hosentasche. Fernando erklärt uns warum es in einer Stadt mit der Größe New Yorks keine U-Bahn gibt: die 10 reichsten Familien des Landes besitzen alle Busgesellschaften.

Plaza de Bolívar

Plaza de Bolívar

Wir radeln weiter zur Stierkampfarena. Die Oberschicht Kolumbiens trifft sich hier zum amüsieren und präsentieren. Mittagspause im Park: hunderte Leute treffen sich hier gerade zum Step Aerobic. Überall werden kostenlose Aktivitäten angeboten, um die Einwohner ausgeglichener und glücklicher zu machen. Jeden Sonntag und Feiertag, sowie heute, sind viele Straßen in der Stadt gesperrt und frei zum Fahrrad fahren oder Laufen. Schnell noch einen Fruchtsalat mit Käse (da stehen die Leute drauf) und weiter geht’s.

Jeden Sonntag:Fitness im Park

Jeden Sonntag:Fitness im Park

Kolumbianischer Snackstand

Kolumbianischer Snackstand

Im deutschen Viertel leben heute nicht mehr viele Deutsche. Hier standen laut Fernando jedoch viele dt. Firmen. Nach dem zweiten Weltkrieg haben die Amerikaner die kolumbianische Regierung unterstützt diese schnell loszuwerden. Die Firmen wurden für 20% ihres Wertes an Kolumbianer verschachert, die von einem Tag auf den anderen reich wurden. Von Firmen oder Reichtum ist heute nichts zu sehen.

Besos de los olvidados

Besos de los olvidados

Wir passieren den Beginn eines Armenviertels. “Keine Kameras und kein Englisch, Bitte!”, ruft Fernando. Alte Männer laufen Barfuß, drogenabhängige schlafen auf Gehwegen, unschöne Prostituierte warten auf ihre Freier. Ich bin froh als ich wieder draußen bin, der Anblick ist bedrückend. An einer Hauswand in der Nähe prangert ein riesiges Graffiti (Besos de los olvidados – Kuss der Vergessenen), inspiriert nach einem Foto, geschossen in der New Yorker Bronx: mehrere Obdachlose liegen auf der Straße; inmitten ein Pärchen das sich küsst. Fernando sagt, das Graffiti soll den Menschen Hoffnung schenken und zeigen, dass auch im größten Elend Liebe existiert. Wir sehen noch viele Graffitis und lernen die Bedeutung hinter den Kunstwerken. Eines bewegt ihn besonders. Das Bild von Jaime Garzón, einem Journalisten der den Menschen Hoffnungen gab und die politische Situation auf satirische Weise anprangerte. Er wurde vor etwa 10 Jahren erschossen und ist bis heute ein Vorbild – Fernandos Worte: Ich liebe diesen Mann.

Jaime Garzón, ermordeter Journalist

Jaime Garzón, ermordeter Journalist

Kleine Anekdote am Rande: Graffiti sprayen war verboten, bis Justin Bieber nach einem Konzert in Bogotá sich unbedingt an einer Wand verewigen wollte. Er bekam sogar eine Polizeieskorte. Die jungen Leute waren stinksauer, da vorher ein 16 jähriger Graffitisprayer von einem Polizisten mit mehreren Kugeln erschossen wurde. Die Sprühdose in der Hand wurde mit einer Waffe ausgetauscht. Noch dazu war Justins Zeichnung hässlich und eine Beleidigung für die Sprayer – Szene. Innerhalb kürzester Zeit wurde der ganze Straßenzug bemalt und das sprayen wird nun akzeptiert.

Graffiti in Bogotá

Graffiti in Bogotá

Die Graffitis bringen Leben in das graue und eintönige Stadtbild. Bogotá ist auf den ersten Blick nicht schön, aber es hat eine bewegende Geschichte und die Tour war eine einmalige Möglichkeit Viertel zu besichtigen, in die wir uns ohne einheimischen Guide vielleicht nicht getraut hätten. Also unbedingt machen!